Ein außergewöhnliches britisches Ingenieursprojekt hat die Grenzen der alternativen Antriebstechnik im Motorsport neu definiert. Auf dem Flugplatz Elvington in Yorkshire hat der Konstrukteur und Rennfahrer Graham Sykes mit einer spektakulären Eigenkonstruktion Automobilgeschichte geschrieben. Mit einem eigens entwickelten Raketen-Dragster mit Dampfantrieb namens „Force of Nature“ gelang es ihm, den jahrzehntealten britischen Geschwindigkeitsrekord für dampfbetriebene Landfahrzeuge zu brechen. Sykes erreichte im offiziell vermessenen Sprint eine Höchstgeschwindigkeit von exakt 337,2 km/h. Die technische Besonderheit des Projekts liegt in der Kraftübertragung, die gänzlich ohne klassischen Verbrennungsmotor, Kolben oder mechanische Getriebe auskommt und ausschließlich auf thermischer Energie basiert.
Die Physik hinter dem Schub: Überhitztes Wasser als Energieträger
Das mechanische Prinzip des Fahrzeugs basiert auf einem thermischen Heißwasser-Druckspeicher. Im Zentrum des Chassis befindet sich ein massiver, speziell isolierter Druckbehälter, der im Vorfeld des Starts mit rund 130 Litern reinem Wasser befüllt wird. Mithilfe von externen Heizelementen, die mit flüssigem Propan betrieben werden, wird dieses Wasser im geschlossenen System extrem stark erhitzt. Das Wasser erreicht kurz vor dem Start eine Temperatur von etwa 250 Grad Celsius, wodurch im Inneren des Tanks ein enormer Druck von rund 40 Bar entsteht. Wird das Hauptventil am Start per Knopfdruck mechanisch geöffnet, entspannt sich das überhitzte Wasser schlagartig an der Atmosphäre und dehnt sich explosionsartig zu hochenergiet welchem Wasserdampf aus.
Technische Details und das Potenzial des unkonventionellen Drag-Racers
Der durch das expandierende Medium erzeugte Rückstoß katapultiert die Maschine mit einer enormen Beschleunigung nach vorne.
Spitzenleistung von über 500 Pferdestärken auf der Rennstrecke bei Raketen-Dragster mit Dampfantrieb
Die Strömungsgeschwindigkeit des austretenden Dampfes an den hinteren Düsen ist so hoch, dass der innovative Raketen-Dragster mit Dampfantrieb rechnerisch eine Spitzenleistung von über 500 PS generiert. Diese rohe Gewalt sorgt dafür, dass das aerodynamisch verkleidete Dreirad-Gefährt die klassische Viertelmeile innerhalb von wenigen Sekunden absolviert. Der Vortrieb ist dabei so intensiv, dass Sykes bei den Testfahrten Beschleunigungskräfte von mehreren G auf den Körper verkraften musste. Um die Fuhre nach dem Zieldurchgang wieder sicher zum Stehen zu bringen, kommen neben einer leistungsstarken Scheibenbremsanlage an den Rädern auch zwei nacheinander auslösende Bremsfallschirme am Heck des Fahrzeugs zum Einsatz.
Einzigartiges Chassis und Sicherheitskomponenten im Fokus der Konstruktion
Der Rahmen des Rennwagens wurde komplett in Eigenregie aus hochfestem Chrom-Molybdän-Stahlrohr geschweißt, um den immensen Kräften und den extremen Temperaturen des heißen Dampfes standzuhalten. Der Fahrer sitzt in einer tiefen Liegeposition direkt vor dem massiven Drucktank, geschützt durch einen massiven Überrollkäfig und ein mehrteiliges Gurtsystem. Die vordere Radaufhängung und die Lenkgeometrie wurden penibel darauf abgestimmt, auch bei Geschwindigkeiten jenseits der 300-km/h-Marke einen stabilen Geradeauslauf auf der Startbahn zu gewährleisten.
Zukünftige Rekordversuche und die weltweiten Bestmarken im Visier
Mit der erreichten Bestmarke hat das Team um Graham Sykes den nationalen Rekord von 2009, der damals bei rund 225 km/h lag, pulverisiert. Doch der ehrgeizige Brite hat bereits das nächste große Ziel vor Augen: Er möchte den absoluten, weltweiten Geschwindigkeitsrekord für Dampffahrzeuge angreifen, der seit 2009 von einem US-amerikanischen Team mit 238,6 km/h gehalten wird. Da der Raketen-Dragster mit Dampfantrieb bei den aktuellen Läufen noch nicht das volle Potenzial des modifizierten Ventilsystems ausgenutzt hat, sind die Ingenieure zuversichtlich, die magische Grenze von 350 km/h bei den kommenden Event-Terminen im Spätsommer zu knacken.


